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Verständige Menschen

Ich würde mich als relativ verständigen Menschen verstehen – aber ich schätze, das würden die meisten von sich erklären, aber oft von anderen bestreiten. Ich trage einen Fahrradhelm (meistens) denn wenn auch sein tatsächliches Sicherheitspotential für einen zügig radelnden Erwachsenen begrenzt ist, besteht wenig Zweifel, dass er eher nutzt als schadet. Wenn ich ihn einmal nicht trage, empfinde ich mich immer noch als verständig, immerhin bewege ich mich weiterhin im Rahmen der Straßenverkehrsordnung, die keine Helmpflicht kennt.

Ein Problem mit den verständigen Menschen ist, dass es für sie keine objektive Definition gibt. Würden verständige Menschen rauchen, in Restaurants oder überhaupt? Wie viel Gemüse essen verständige Menschen, wie viel Pommes? Sind es verständige Menschen, die in den vergangenen Jahren die europäische Finanz- und Bankenpolitik gelenkt haben?

Würden verständige Menschen nachts in dunkler Kleidung Rad fahren? Oder würden sie unter denselben Lichtverhältnissen ein dunkles Auto lenken? Sind es verständige Radfahrer, denen es auf der Straße so heftig zugeht, dass sie lieber auf dem Gehweg fahren? Weil es ihnen subjektiv sicherer vorkommt, obwohl ihr objektives Unfallrisiko um das bis zu Zwölffache erhöht ist? Sind es verständige Autofahrer, die auf der Straße neben dem Radfahrer herfahren, das Seitenfenster runterdrehen und Vogel zeigend „Radweg!“ brüllen – obwohl da nur ein Gehweg ist? Nicht einmal, sondern fünf-, zehn-, zwanzigmal?

Zumindest für die letztgenannten Fälle gibt es aber objektive Kriterien: Der Radfahrer führt ein Fahrzeug und gehört grundsätzlich auf die Fahrbahn, das sagt die Straßenverkehrsordnung explizit, benutzungspflichtige Radwege sind die Ausnahme von der Regel. Verständige Menschen, das sind doch sicher die, die sich an die objektiv einschlägige Rechtsvorschrift halten.

Richter sind in diesem Land in ihren Entscheidungen an Recht und Gesetz gebunden, das, und nur das, ist objektiv. Vermutlich hilft es ihnen bei der Entscheidungsfindung, wenn sie außerdem verständige Menschen sind, das ist jedoch subjektiv und deshalb keine Bedingung.

Worum ging es nun bei alledem? Das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein hat einer schuldlos in einen Unfall verwickelten Radfahrerin einen Eigenanteil der Kosten aufgebrummt, weil sie keinen Helm trug, was nicht vorgeschrieben ist, was aber, so der Richter, „ein verständiger Mensch tun würde“. Ein verständiger juristischer Kommentar dazu z. B. hier, oder man googelt „Helmpflicht durch die Hintertür“. Der ADFC hat angekündigt, die Radfahrerin bei der Revision zu unterstützen.

Copenhagen Wheel neu aufgelegt als e-Jalopy

Schon Anfang 2010 berichtete ich vom MIT-Projekt eines E-Rades, bei dem alle Komponenten im Hinterrad gekapselt sind, verbunden mit einem Smartphone als Steuerung. Das „Copenhagen Wheel“ war eine Studie, wohl vorwiegend lanciert im Rahmen der Klimakonferenz Kopenhagen, aber noch nicht einsatzbereit.

Einsatzbereit ist das Projekt auch jetzt noch nicht, das aber mit neuem Partner: von der Schweiz aus will das MIT diesmal die Welt erobern (warum eigentlich nicht von Massachusetts aus? Liegt darin das Eingeständnis, dass so etwas in den USA noch nicht liefe?) Der SPIEGEL berichtet. – Immer wieder lustig: Die Rubrik im SPIEGEL heißt immer noch „Auto“…

Da radeln sie

Im Augenblick fahren wir fast jeden Tag ein Stückchen, und man sieht deutlich, wie Routine Verbesserung bringt. Fahren, Anfahren und Anhalten klappen jetzt einwandfrei, erste Steigungen und, schwieriger, Gefälle, schaffen wir auch schon (Gefälle erfordert dosiertes Bremsen, das klappt noch nicht richtig).

Klar, dass ein Fünfjähriger und eine Siebenjährige zu klein sind, um Verkehrsregeln zu überblicken, da müssen sie sich auf uns als „Lotsen“ verlassen können. Sie sollen erst einmal lernen, ihr Fahrzeug zu beherrschen.

Wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben überhaupt kein Auto, fahren statt dessen mit dem Rad zur Arbeit, bringen unsere Kinder zu Fuß zur Schule (und nennen das „walk-to-school“), wir beziehen atomfreien Naturstrom. Verhaltensmuster, die wir ganz natürlich finden, anderen Menschen aber immer wieder erklären und uns als „Sonderlinge“ rechtfertigen müssen. (Erklären Sie mal einem anderen Kindergartenkind, dass kein Auto zu haben für Sie keine Geld- und Statusfrage ist – da lernen Sie Argumente kennen!)

Ist das richtig so, und wenn ja, sollten das nicht alle tun? Gleich morgen, oder besser heute Nachmittag? Nun, da gibt es zwei Antworten. Die eine ist mikroökonomisch (sollte ich das tun?), die andere makroökonomisch (sollten es alle gleichzeitig tun?).

Wenn alle Solarpanel auf ihr Dach schrauben oder Naturstrom beziehen würden, würde unser bestehendes Stromnetz nicht funktionieren, sagen die Herren etablierten Stromkonzerne. Die Überschußproduktion der sonnigen und windigen Mittagsstunden ließen sich für die Nachtleselampen und den Morgenkaffee bei Flaute nicht speichern. Konventionelle Kraftwerke müssten für uns Ökos die Stromspitzen abfangen. Dass das zumindest nicht ganz frei erfunden ist, sieht man bei Bio-Lebensmitteln: Wenn sie nach einem aktuellen Dioxinskandal plötzlich jeder essen will, sind nicht genug da.

Wenn wir alle auf das Fahrrad umstiegen, erlebten wir lustige Szenen auf unseren Straßen: Platz wäre zunächst ja genug, aber unverhältnismäßig viele führerscheinfreie („Flensburg-Punkte“ wären kein Druckmittel mehr) Sonntagsradler, überwiegend ohne Helm und unversichert (Privathaftpflicht ist anders als KFZ-Haftpflicht ja freiwillig), würden sich in wüstem Chaos ineinander verkeilen. Mittelfristig würde der Asphalt auch unter unseren Rädern bankrott gehen, langsamer zwar als durch LKW, aber dennoch – und dann? Er wurde ja von KFZ-Steuern bezahlt, die nicht mehr nachfließen. Auch das ist keine reine Fiktion: Fahrradstädte wie Amsterdam oder Kopenhagen beschwören durchaus auch mal den bevorstehenden Fahrrad-Verkehrskollaps herauf, und stellen Sie mal in irgendeiner niederländischen Innenstadt Ihr Fahrrad ab. Da kann man es nicht einfach an eine Laterne schließen, da stehen schon fünfhundert andere.

Unsere bestehenden Konzepte lassen sich also nicht 1:1 auf eine leuchtende Zukunft übertragen. Sie müssen mit ihren Aufgaben wachsen, wie Regelwerke das immer tun. Es können gar nicht alle auf einmal einen Umschwenk vornehmen.

Nur: Das wird ja auch nicht geschehen. Ökostrom gibt es seit ca. 2007 2000, und 2010 bin ich dann endlich umgestiegen, und war noch ein „early adaptor“. Kein Fukushima, keine Abwrackprämie kann uns, die trägen Menschen, dazu bewegen, alle auf einmal unsere Gewohnheiten umzustellen. Also gilt – mikroökonomisch – für den einzelnen trotzdem: Sollte ich es tun? Ja. Dann – wann, wenn nicht jetzt?

Fahren mit der Schwebehaube – Hövding

Also, wenn meine Mami „sich die Haare macht“ – dafür nimmt sie sich immer 1-2 Stunden Auszeit – dann kommt immer auch die herrliche Schwebehaube von Braun zum Einsatz.

Für uns Radfahrer gibt es die jetzt auch, ja tasächlich sogar für Kerle. „Hövding“ haben die Schweden erfunden, soll wohl wirklich soviel heißen wie „Kopfdings“, und ist ein Airbag für Radfahrer, der Kopf- und Halspartie beim Unfall schützen soll.

Die Idee, daß der Airbag dem Helmmuffel als elegant schmackhaft gemacht wird, führt schon zu einem etwas, naja, schrägen Aussehen des Kragens, der mit verschiedenen Stoffdesigns an die Kleidung angepaßt werden kann. Kracht es dann, wird das Kopfdings in 0,1s zur Haartrockenhaube, die lange genug anhält, damit man in Ruhe fallen kann (zum Vergleich, ein Auto-Airbag fällt sofort wieder in sich zusammen).

Am Schönsten sieht das Teil schon mit einer schönen Schwedin drin aus. Es hat etwas vom Charme der 70er-Jahre-Science-Fiction, so in etwa im Tenor von „Mondbasis Alpha“.

Man wird Hövding ab 2011 kaufen können, einen Onlineshop hat es schon. Bis zur Zulassung in anderen Ländern, bin ich vorsichtig pessimistisch, wird es sicher dauern. Aber verboten wird es vermutlich nicht sein. Website: hovding.com

Ich will ehrlich sein: Ich trage lieber einen Helm, den ich anfassen kann.

„Jones the Pipe“ – Klempner auf Zweirad

Eine nachahmenswerte Idee für Düsseldorf, die Stadt, die von U-Bahn-Baustellen derzeit recht erfolgreich in den Wahnsinn getrieben wird: Den Einwohnern von Weymouth geht es genauso, dort werden die Segelregatten der Olympischen Sommerspiele 2012 abgehalten, und auch jene Stadt liegt darnieder.

Der Klempner Chris „Jones the Pipe“ Jones (eine Reminiszenz an den Film „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg…“), fand eine Alternative dazu, in den Wahnsinn getrieben zu werden: Mit dem Fahrrad ist es möglich, seine Zeitpläne auch im zusammenbrechenden Verkehr einzuhalten. Er verlängerte den Radstand und baute sein Fahrrad so um, daß er Leiter, Staubsauger und ca. 4m lange Kupferrohre, insgesamt bis zu 50kg, mitführen kann.

„Ich bin rechtzeitig beim Kunden, spare Kosten und werde fit“ sagt der findige Installateur. So könnte es bei uns tatsächlich auch funktionieren. (metro.co.uk, via @Radlhauptstadt)