Wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben überhaupt kein Auto, fahren statt dessen mit dem Rad zur Arbeit, bringen unsere Kinder zu Fuß zur Schule (und nennen das „walk-to-school“), wir beziehen atomfreien Naturstrom. Verhaltensmuster, die wir ganz natürlich finden, anderen Menschen aber immer wieder erklären und uns als „Sonderlinge“ rechtfertigen müssen. (Erklären Sie mal einem anderen Kindergartenkind, dass kein Auto zu haben für Sie keine Geld- und Statusfrage ist – da lernen Sie Argumente kennen!)

Ist das richtig so, und wenn ja, sollten das nicht alle tun? Gleich morgen, oder besser heute Nachmittag? Nun, da gibt es zwei Antworten. Die eine ist mikroökonomisch (sollte ich das tun?), die andere makroökonomisch (sollten es alle gleichzeitig tun?).

Wenn alle Solarpanel auf ihr Dach schrauben oder Naturstrom beziehen würden, würde unser bestehendes Stromnetz nicht funktionieren, sagen die Herren etablierten Stromkonzerne. Die Überschußproduktion der sonnigen und windigen Mittagsstunden ließen sich für die Nachtleselampen und den Morgenkaffee bei Flaute nicht speichern. Konventionelle Kraftwerke müssten für uns Ökos die Stromspitzen abfangen. Dass das zumindest nicht ganz frei erfunden ist, sieht man bei Bio-Lebensmitteln: Wenn sie nach einem aktuellen Dioxinskandal plötzlich jeder essen will, sind nicht genug da.

Wenn wir alle auf das Fahrrad umstiegen, erlebten wir lustige Szenen auf unseren Straßen: Platz wäre zunächst ja genug, aber unverhältnismäßig viele führerscheinfreie („Flensburg-Punkte“ wären kein Druckmittel mehr) Sonntagsradler, überwiegend ohne Helm und unversichert (Privathaftpflicht ist anders als KFZ-Haftpflicht ja freiwillig), würden sich in wüstem Chaos ineinander verkeilen. Mittelfristig würde der Asphalt auch unter unseren Rädern bankrott gehen, langsamer zwar als durch LKW, aber dennoch – und dann? Er wurde ja von KFZ-Steuern bezahlt, die nicht mehr nachfließen. Auch das ist keine reine Fiktion: Fahrradstädte wie Amsterdam oder Kopenhagen beschwören durchaus auch mal den bevorstehenden Fahrrad-Verkehrskollaps herauf, und stellen Sie mal in irgendeiner niederländischen Innenstadt Ihr Fahrrad ab. Da kann man es nicht einfach an eine Laterne schließen, da stehen schon fünfhundert andere.

Unsere bestehenden Konzepte lassen sich also nicht 1:1 auf eine leuchtende Zukunft übertragen. Sie müssen mit ihren Aufgaben wachsen, wie Regelwerke das immer tun. Es können gar nicht alle auf einmal einen Umschwenk vornehmen.

Nur: Das wird ja auch nicht geschehen. Ökostrom gibt es seit ca. 2007 2000, und 2010 bin ich dann endlich umgestiegen, und war noch ein „early adaptor“. Kein Fukushima, keine Abwrackprämie kann uns, die trägen Menschen, dazu bewegen, alle auf einmal unsere Gewohnheiten umzustellen. Also gilt – mikroökonomisch – für den einzelnen trotzdem: Sollte ich es tun? Ja. Dann – wann, wenn nicht jetzt?

Ein Gedanke zu „Wann, wenn nicht jetzt?“

  1. „Sollte ich es tun? Ja. Dann – wann, wenn nicht jetzt?“
    Find ich sehr gut!
    Und ich denke, dass die Ereignisse in Japan (in einigen Jahren Abstand betrachtet) so etwas wie den Beginn eines Umdenkens darstellen werden. Ein Umdenken, auf das dann eine Verhaltensänderung folgte -bei einem Teil der Menschen, die schon länger versuchte einen „nachhaltigen“ Lebensstil zu praktizieren.
    Was wir brauchen ist eine weitergehende Veränderung unseres gesellschaftlichen Handelns, so wie es R. Loske in seinem Buch „Abschied vom Wachstumszwang“ beschreibt. http://basilisken-presse-marburg.de/artikel_327_41__0_

    p.s.: ich hab zwar Autos (!), fahre aber auch die Kinder mit dem Hänger in den KiGa 😉

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